Comicreview: The Tattered Man

Published by Marco on

Originaltitel: The Tattered Man
Herausgeber: Image
Veröffentlicht: 25. Mai 2011
Künstler: Jimmy Palmotti, Justin Gray, Norberto Fernandez
Art: Heftchen
Seiten: 34
Sprache: englisch
Preis: $4.99
U-Bahnlesetauglichkeit: Kennt ihr U-Bahnen in denen man Comics mit Hakenkreuzen lesen kann?
Rating: 8 von 10, äh, Sterne?

Erwerbbar vielleicht bei eBay, auf jeden Fall aber in einem gut sortierten Comicladen. Leseprobe bei CBR.

Als ich neulich wieder in meinem Lieblingscomicladen (Grober Unfug in Berlin und ich besuche eigentlich auch nur den) war, wurde mir wiedermal ein Comic ans Herz gelegt, den ich echt einfach nicht so im Regal liegen lassen konnte. „The Tattered Man“ wurde mir als Horrorcomic, der in einem Konzentrationslager stattfindet, vorgestellt. Es hätte ja auch ziemlich in die Hose gehen könnten, sei aber ziemlich klasse, sagte man mir. Horrorcomic im KZ? Na da bin ich doch dabei!

Hier mal meine kurze Meinung zu diesem doch sehr außergewöhnlichen und vielleicht wirklich mutigem Comic.

Wie gesagt könnte ein Horrorcomic in einem KZ das falscheste sein, was man sich ausdenken kann. Der Horror fand da ja auch schon ohne fiktives Zutun statt und das ganze, ich sag mal, gewöhnliche Grauen zu bebildern kann mächtig in die Hose gehen, kann es doch entweder zu harmlos, mitunter vielleicht aufgrund eigener Zensur, oder zu extrem, aus dem Wusnch heraus es möglichst krass darzustellen, werden. Sowieso ist Horror auch immer ein schmaler Grat zwischen Lächerlichkeit und Grauen und das alles schliesslich miteinaner zu kombinieren könnte die Leiden der Juden in den KZs zu sehr verharmlosen und diesen doch sehr ambitionierten Comic in die Trivialität drängen. Genau das waren eigentlich meine Befürchtungen, als ich den Comic zum ersten mal aufklappte, zumal mich das Cover ohne die Empfehlung jetzt auch echt nicht besonders angesprochen hätte.

Aber nachdem ich den Comic jetzt mehrmals gelesen habe (ein paar mal komplett, sehr viel öfter eine bestimmte Szene), muss ich sagen, dass der Comic alle Befürchtungen zerschlagen konnte und alles in allem als ein äußerst ernstes Werk, das zu keiner Zeit lächerlich oder albern ist, wahrgenommen werden sollte.

Die Geschichte handelt von ein paar jugendlichen Gaunern, die zu Halloween bei einem alten Mann einbrechen, um ihn auszurauben. Sie finden eine alte Schachtel mit einem Hakenkreuz drauf und der Mann fleht sie an, ihm alles, nur nicht diese Schachtel zu nehmen. In dieser Schachtel befinden sich alte Stofffetzen und der Mann erzählt dessen Geschichte.

Er wurde nämlich als Kind mit seinen Eltern in ein KZ gebracht, wo sie natürlich auch schnell getrennt wurden. Er lebte dort eine Weile, bis die Nachricht die Runde machte, Hitler habe sich das Leben genommen und der Krieg sei verloren. Das veranlasste die übriggebliebenen Nazis nur dazu nun in einer großangelegten Aktion ausnahmslos alle juden zubeseitigen. Hier beginnt der fiktive Horror, denn der Comic stellt die These auf, dass sich alles im Gleichgewicht befände und großes Leid ebenso große Gerechtigkeit, wie auch immer, nach sich ziehe, woraufhin der Tattered Man, eine Art Rachewesen, geboren wurde, das alle beteiligten Nazis auf möglichst brutale Art richtet.

Die Geschichte geht nach den Erzählungen des alten Mannes noch ebenso grausig und mitreissend weiter und sollte an dieser Stelle nicht verspoilert werden, aber der Part in dem KZ ist wirklich so unglaublich mitreissend und bedrückend, nicht zuletzt auch wegen der in schwarz/weiß gehaltenen Zeichnungen, die nur durch etwas Rot (Blut oder Hakenkreuzarmbinden) Farbe bekommen, wie es sonst kaum Geschichtsbuch schafft. Dabei sind die vielen kleinen Begebenheiten in dem KZ auch ausnahmslos bestürzend, dass ich wahrscheinlich niemanden kenne, den das irgendwie kalt lässt.

Der Comic ist glücklicherweise ein One-Shot und niemals sollte jemand auf die Idee kommen, daraus eine ganze Serie zu machen, weil er so in seiner Brutalität, sowohl in Bildern als auch Erzählungen, einfach am Besten funktioniert.

Wenn ihr da mal eure Finger dran bekommen solltet und euch mal ein bisschen den Nachmittag versauen wollt, lest diesen Comic. Unbedingt.

Hinten gibt es übirgens noch einiges an interessanten Sachen zum Entstehungprozess des Comics, von anfänglichen Coverzeichungen, über Konzeptbildern zum Tattered Man selbst, zu Erzählungen von Autor und Zeichner, wie sie den Schaffungsprozess empfanden. Das lohnt sich auch.


9 Comments

Bendrix · 12. Juli 2011 at 13:48

Ich liebe Palmiotti, aber The Tattered Man fand ich furchtbar. Die KZ Thematik wirkte auf mich aufgesetzt um der doch sehr dünnen und von Klischees strotzenden Rahmenstory etwas Tiefgang zu verleihen. Und auch da größtenteils Klischees (inklusive Deutsch aus dem Online-Translator) als Basis für einen halbgare und unausgegorene Horrorstory.
Kam bei mir definitiv anders an als bei dir.

Marco · 12. Juli 2011 at 14:14

@Bendrix: Ja, das Deutsch fand ich auch schlimm *g*
Aber den Part im KZ fand ich schon extrem gut. Viel mehr wirkte der Rest dann ein bisschen aufgesetzt, weil die Geschichte auch so super hätte enden können. Und gerade der Teil im KZ war für mich der dichteste, weil der Junge ja schon sehr grausige Sachen erlebte. An der Stelle mit dem Vater beispielsweise dachte ich noch, dass wenigstens das mal gut ausgehen könnte. Na ja. Ich fands klasse 🙂

Bendrix · 12. Juli 2011 at 14:18

Vielleicht lag es bei mir auch am Gesamtpaket. Der Rest hat dann für mich das Potential der Flashback-Szenen ruiniert und ich kann den Teil nicht gesondert betrachten. Zumal die Rahmenhandlung ja auch so…seltsam und unbefriedigend endet.

Marco · 13. Juli 2011 at 0:13

@Bendrix: Mh ja, na ja, ich betrachte den Comic eher als Kurzgeschichte. Da passt das für mich ganz schön gut zusammen. Und zerstört ist mir dann auch etwas zu krass ausgedrückt. *g*

Da Na · 27. Juli 2011 at 14:25

Ich hab danach am Freitag im Unfug gesucht, weil ich mal reingucken wollte, hab’s aber nicht gefunden. Außerdem wußte ich den Namen nicht mehr. Nächstes Mal sag mir bitte Bescheid, wenn du vorhast 1h nach mir in den Laden zu gehen, dann warte ich.

Marco · 27. Juli 2011 at 23:29

@Da Na: Ich gehe da eigentlich jeden Freitag hin, zumindest nur in besonderen Fällen nicht. *g*
Und der Comic heisst Tattered Man… 😉

Queen Crab, Jonah Hex, Trailblazer – ein Interview mit Jimmy Palmiotti « Ein Comic Leben · 18. Juli 2011 at 14:47

[…] an den Jobs saßen, die unsere Mieten gezahlt haben. Bücher wie „Random acts of violance“, „Tattered Man“ und „Trailblazer“ sind echte Herzensangelegenheiten und jeder der sie gelesen hat kann […]

Jimmy Palmiotti & Justin Gray present: The Tattered Man – Review & Gewinnspiel « Ein Comic Leben · 30. November 2011 at 19:00

[…] Wer jetzt noch nicht überzeugt ist, der lese sich bitte noch die Comicreview bei Minds Delight durch. […]

The Tattered Man | sixumbrellas · 12. Dezember 2011 at 10:20

[…] Masse netterweise unbemerkt über die Bühne ging – den Comic The Tattered Man gewonnen habe. Marco hat auf das Heft auf Minds Delight ziemlich gelobt und eine recht düstere Geschichte […]

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