MARZIBAND21989_729[1]Herausgeber: Panini
Veröffentlicht: 12.03.2013
Künstler: Marzena Sowa, Sylvain Savoia
Art: Hardcover (enthält komplett “Marzi 2: 1989”)
Seiten: 228
Sprache: deutsch
Preis: 24,95 €
U-Bahnlesetauglichkeit: Mit einer guten Tasse Muckefuck macht der Comic viel mehr Spaß.
Rating: 5 von 5 frische Rollen Toilettenpapier.

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Der zweite Teil von Marzi ist einer dieser Comics, die schon ewig gelesen bei mir liegen, für die ich aber irgendwie nicht die richtigen Worte finde, sie passend zu beschreiben. Vielleicht hauptsächlich, weil sie mich sehr bewegten, vielleicht auch, weil ich euch lieber den ganzen Comic vorlesen würde, statt nur darüber zu erzählen. Statt ihn aber einfach zu ignorieren und als kleinen Schatz in meinen endlosen Comicregalen zu horten, versuche ich einfach ein paar stumpfe Wörter aneinander zu reihen, die hoffentlich auf die ein oder andere Weise Sinn ergeben und dafür sorgen, dass ihr euch nicht nur diesen Band, sondern auch seinen Vorgänger, organisiert und genauso lieb habt, wie ich es tue.

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Das sind ja völlig ungewohnte Töne

Ich bin ja selbst Wendekind und habe bestenfalls getrübte Erinnerungen an diese Zeit. Als Jahrgang ’86 ist da wirklich nicht mehr viel vorhanden, aber es ist ja auch nicht unbedingt so, dass sich in dem Dorf, in dem ich damals wohl wohnte, alles schlagartig änderte. Der Tante-Emma-Laden verschwand und einmal kam ich nach Hause, da hatten meine Eltern uns Krimskrams gekauft und schön im Flur drapiert. Einen Kinderregenschirm, einen kleinen Koffer und ein Stofftier, das ein grünes Schweinchen ist (und immer noch im meinem Bett schläft und heute eher grau ist – man darf sich auch als Erwachsener nicht scheuen, sowas zu zugeben). Die Wendezeit ist für mich also eher ein Gebilde aus bruchstückhaften Erinnerungen, deren Wahrheitsgehalt vielleicht zweifelhaft ist, Erzählungen von anderen und Begebenheiten, die gut und gerne in einem Zeitraum von 5 Jahren um die eigentliche Wende herum stattgefunden haben könnten.
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Trotzdem vermittelt mir auch der zweite Band von “Marzi” dieses heimelige Gefühl, als würde ich kennen und verstehen, was hier passiert. Nicht, weil ich eine gute Auffassungsgabe besitze (das auch), sondern weil mir viele der Geschichten so bekannt vorkommen. Nicht unbedingt der Part mit den Arbeiter-Streiks in den Munitionsfabriken, die zu einer friedlichen Revolution mutierten, die sich dann durch den ganzen Ostblock zogen und im Fall der Berliner Mauer gipfelten, sondern die kleinen Geschichten aus dem Leben der jungen Marzi. Wie sie mit ihren Freunden spielte, wie ihre Familie alltägliche Dinge benötigte, die sie nicht bekam, wie sie weit weg wohnende Verwandte besuchte. Der autobiografische Teil des Comics ist es ja eigentlich, der ihm erst so richtig Leben verleiht, während der faktische Teil um die Revolution in diesem gebeutelten Land faktisches Wissen vermittelt, dass einem so gar nicht so richtig bewusst war. Und gerade weil auch der Vater von Marzi an den Streiks beteiligt war, tagelang in der Fabrik streikte, dort wohnte und seine Familie nicht sah, hat man ein ganz anderes Bewusstsein für die Geschichte, die eben durch die Augen des kleinen Mädchens betrachtet wird.

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Allerdings gibt es hier auch ein paar Cuts, in denen die erwachsene Marzena die Begebenheiten in einen historischen Zusammenhangt presst. Das fühlt sich dann etwas hart und forciert an, ist aber dennoch super interessant und vermittelt uns ein geschichtliches Wissen, das sicher nur in den wenigstens von uns vorhanden war. Vielleicht geschieht das ein wenig unter dem Vorwand zu sagen “Seht her, das ist Polen, das ist die Keimzelle der Revolution in Europa!”, allerdings ohne den mahnenden Zeigefinger, der uns tadelt, dass wir das alles ja eh nicht wissen, weil es so still und heimlich war, während es in Berlin laut und medienwirksam vonstatten ging.

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Gezeichnet ist das alles natürlich in gewohnter Weise, eher grau und trist, trotzdem aber niedlich und schön. Schön ist sowieso das prägende Wort des Comics. Es ist schön Marzi beim Leben und Erwachsenwerden zu zuschauen. Es ist schön, dieses Land zu sehen, wie es sich entwickelte und man bekommt eben auch ein ganz anderes Bild von Polen. Ein viel, ihr werdet es erraten, schöneres. Und man versteht schlußendlich sogar ein bisschen, warum Polen momentan so ist, wie es ist. Oder viel mehr warum es so auf uns wirkt, wie es auf uns zu wirken scheint. Es ist kompliziert. Aber der Comic ist schön. Wunderschön. Merkt ihr, wie mir, wie eingangs erwähnt, ein bisschen die Worte fehlen?

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Fazit: Dank des zweiten Teils kann ich euch endlich beidhändig durch leichte Schläge davon überzeugen, dass ihr euch mal mit diesem Comic auseinandersetzt. Man lernt so viel, vor allem politisches, historisches, aber auch, wie das Leben in Polen kurz vor der Wende so aussah. Und ich glaube, dass das sehr wichtig ist.
zusätzlich gibt es am Ende noch Auszüge aus dem Reisetagebuch von Marzena Sowa und ihrer Reise in ihre alte Heimat, die sie für ein spannenderes Leben in Westeuropa verließ. Vor allem gibt es auch einige Fotos von Figuren, die in den beiden Büchern auftraten, was den Realismus der Geschichten nochmal ungeheuer verstärkt. Schön.

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Disclaimer: Tausend Dank an Panini für das Rezensionsexemplar