Ich habe diesen Artikel, diesen Beitrag, sozusagen diese Glosse, in der ein oder anderen Form ungefähr drei mal geschrieben. Es existierten irgendwie notierte oder halbwegs ungenau ausgeklügelte Sätze, mehrere halbgare Anfänge und am Ende bemerkte ich, dass das alles doch sehr von meiner eigenen Stimmungslage abhängt. Der Grund ist nämlich mein vorgestriger Geburtstag. Das erste mal fing ich diesen Artikel nämlich ungefähr in der vergangenen Woche an, als mein Geburtstag noch gefühlt weit weg und meine Laune eigentlich ganz okay war, das nächste Mal schrieb ich kurz vor meinem Geburtstag daran herum und bemerkte, wie meine Stimmung sich immer weiter verdüsterte und na ja nun schreibe ich eben kurz danach weiter und ich spüre, wie meine Stimmung wieder halbwegs stabil wird.

Vielleicht solle man allerdings wissen, dass ich meinen Geburtstag immer irgendwie ein bisschen belastend finde. Gar nicht mal unbedingt, weil ich das Älterwerden schwierig finde, denn Älterwerden finde ich eigentlich sogar super gut, da es eben nur wenigen vergönnt ist und bisher jede neue Etappe irgendwie spannend und neu und aufregend (und sicherlich mit ganz eigenen Problemen behaftet) war, es ist eher so ein Konglomerat aus Erwartungen, Druck, Wünschen, Enttäuschungen, Forderungen und na ja, dies das, keine Ananas… ich will das jetzt eigentlich gar nicht so sehr thematisieren, denn eigentlich möchte nur über zwei Dinge sprechen: Alternative Zeitrechnungen und das große Puh, das uns alle irgendwie belastet. Und beides gehört auch irgendwie zusammen.

C+1 wird MEIN JAHR!

Ich finde es ja in Sci-Fi-Szenarien immer irgendwie cool, wenn sich die Leute in diesen Geschichten wegen eines sehr bedeutungsvollen Ereignisses einfach eine neue Zeitrechnung ausdenken. Sei es die Ankunft von irgendwelchen Aliens oder der Untergang der Welt (na ja, mehr unserer Lebensweise, der Welt selbst ist das meistens eher egal) oder die Flucht von der Erde – ab dem Moment wird bei 0 neu weiter gezählt. Ich postuliere, dass wir das genauso machen und fortan ungefähr im März 2020 loszählen, als Corona/Covid, welchen Ausdruck ihr auch immer für korrekt haltet, in Deutschland so richtig spürbar ankam und uns das C der Bezeichnung unserer neuen Zeitrechnung liefert.
Zwar trat der erste Fall in Deutschland bereits bereits am 27. Januar auf, allerdings hatte die WHO die Krankheit am 11. März als Pandemie eingestuft und am 22. März startete der erste Lockdown in Deutschland (interessant dazu ist die Corona-Chronologie beim NDR). Daher würde ich der Einfachheit halber einfach den 1. März als Tag 0 vorschlagen, weil dann Silvester auch manchmal ein Schalttag wäre und das ist ja auch irgendwie cool. Allerdings könnten wir an dieser Stelle auch direkt zum Positivisten-Kalender bzw. zum internationalen ewigen Kalender übergehen, aber das ist eigentlich auch nochmal ein ganz anderes Thema, für das wir auch erstmal Religionen das Mitspracherecht entziehen müssten.

Normalerweise wäre ich zu dieser Jahreszeit, quasi in meiner Geburtstagswoche, gar nicht zuhause, da ich es mir irgendwie zur Tradition gemacht habe, zu meinem Ehrentag einfach unterzutauchen. So war ich mal in Amsterdam, in Kopenhagen, Brüssel, Brügge und zuletzt auch in Barcelona und irgendwann auch mal in Eisenach. Meistens alleine und ich fand es immer schön, da ich ja meinen Geburtstag, wie oben erwähnt, immer eher unangenehm finde und ich so jeglicher Verantwortung entfliehe, ich gleichermaßen aber gezwungen bin, Dinge zu machen, die ich eigentlich schön finde. Eben irgendwas Neues angucken, irgendwas lernen, viel laufen und all die Dinge, die man eben so macht, wenn man reist. Nun hatte ich im vergangenen Jahr aber das drängende Bedürfnis eine Feier für mich und meine Freunde zu organisieren. Vielleicht spürte ich schon, dass es zukünftig schwieriger werden könnte, vielleicht war es auch einfach mal an der Zeit, alle meine Freundeskreise irgendwie zusammen zu führen. Ich hatte also eine Bar organisiert, so ziemlich jeder hatte zugesagt und dann stand der Lockdown quasi schon vor der Tür und the ‘Rona sogar schon im Hausflur. Die ersten sagten ab, manche warteten bereits auf Testergebnisse, ich sagte sicherheitshalber alles ab, weil ich meine Freunde zwar lieb habe, ich sie aber gesund wissen will, und an dem Samstag, an dem die Party dann steigen sollte, hab ich auch einfach noch mit meiner damaligen Freundin Schluss gemacht. Das lag in aller Fairness aber nicht an Corona.

“Lass keine Krise ungenutzt verstreichen” – Churchill

Also trank ich den Samstag einfach alleine durch und das war okay. Ich kaufte mir zum Geburtstag ein Buch über Münzmagie und habe es seitdem nicht mehr angefasst, außerdem aß ich Kuchen. Es war ein okayer Tag.
Im Verlauf des ersten Lockdowns entwickelte ich die Trendsportart Rotwein-Yoga (2088 soll es olympisch werden) und im Grunde war der Lockdown auch ziemlich okay. Gefühlt genossen wir alle die Auszeit, die Entschleunigung, fanden Videokonferenzen in Businessoberteil und Jogginghose irgendwie witzig, wir probierten uns an neuen Hobbies und es war eine sehr angenehme Ferienlagerstimmung, die wir alle irgendwie teilten (so gut wir konnten). Und dann kam der zweite Lockdown. Und dann der dritte. Und dann wurde aus der lockeren Ferienlagerstimmung der erste Brief an die Eltern, in denen wir klagen, dass hier alles kacke ist, wir das vorher wussten und dringend nach Hause wollen. Eine Friseurin weint stellvertretend für alle Selbstständigen, manchmal klatschen wir von unseren Balkons (wenn wir uns in der tollen Lage befinden einen eigenen Balkon zu besitzen), aber auch schon länger nicht mehr, und ich sah auch schon seit einer Weile keine Promis mehr, die mir aus ihren riesigen Villen heraus sagten, ich solle doch bitte auch zuhause bleiben – für die Gesellschaft!

Müdigkeit als Emotion

Es wäre nun sehr leicht noch ungefähr weitere 15’000 Worte darüber zu schreiben, wie einfach alles irgendwie richtig scheiße gelaufen ist, aber das wisst ihr ja alles auch schon selbst, seid ja dabei gewesen: Diese halbgare Lockdownscheiße, diese übertriebene Wichtigkeit der Großwirtschaft auf Kosten der Menschen und des Mittelstands, diese ganzen offensichtlich unfähigen und krisenunfähigen Entscheidungsträger von Bundesebene bis Landesebene, hier mal ein kleiner Skandal, da mal noch ein korrupter Politiker, dort struktureller Rassismus von öffentlichen Stellen oder gar rassistisch motvierte Gewalttaten… ich bin einfach richtig müde.

Müdigkeit als Emotion und ich glaube/hoffe/vermute, dass ihr gerade genickt habt, ist das doch eigentlich das, was wir gerade alle empfinden. Kann uns eigentlich wirklich noch etwas überraschen, obwohl bestürzen hier das besser gewählte Wort wäre? Zum Beispiel, dass ein Regierungswechsel der USofA auf einmal dafür sorgt, dass es dort mit den Corona-Maßnahmen trotz eines rechten Putschversuchs massiv voran geht und ich überlege, ob das auch eine Idee für Deutschland wäre und mir dann die Kotze auf der Zunge liegt, wenn ich alternative Regierendenmöglichkeiten betrachte?
Oder ein Discounter, der nicht mal korrekt “klein” auf englisch schreiben kann, die flächendeckende Maskenversorgung besser hinbekommt, als die Personifikation des Satzanfanges “also eigentlich” mit der Mentalität eines wütendes Kleinkindes mit Schokoladenrand um den Mund?
Oder dass auf einmal alle Brot backen, als hätten sie den neusten heißen Scheiß entdeckt? Was soll das?
Gute Nachrichten zu konsumieren und zu teilen hilft mir da ehrlicherweise auch nur bedingt, zumal das eh nur bei wenigen Leuten ankommt, wie auch mein tolles §219a-Plugin. Aber das ist schon ok. Diesen Artikel wird auch kaum jemand lesen, aber immerhin geistert es mir dann nicht mehr im Kopf herum und ich habe wieder Kapazitäten für andere Dinge.

Faziwas?

Ich weiß gar nicht mehr, worauf ich mit diesem Artikel eigentlich hinaus wollte. Ich habe noch gar nicht über mein schreckliches Weihnachten gesprochen, über Coronaleugner, über ausverkauftes Klopapier und viel zu volle Buchhandlungen, die vierte Generation der RAF, meinen exzessiven Sport/(Schokoladen-) Konsum, Home Office im Home ohne Steuererleichterung für Leute, die keinen eigenen Raum für ihr Heimbüro haben, obwohl sie GANZ EINDEUTIG nur von zuhause arbeiten, über Podcasts…

Es gibt auch nichts, was ich euch nach diesem Artikel mit auf den Weg geben könnte. Denkt mal über die neue Zeitrechnung nach, das wäre schön. Ansonsten ist mein Geburtstag leider ein Marker für den Moment, an dem es für alle schwierig wurde. Die Frage, wie müde ein Mensch eigentlich noch werden kann, wird mich vermutlich noch eine Weile beschäftigen – anders als die Gitarre, die ich mir für irgendeinen Lockdown (war es der zweite?) als neues Hobby zulegte. Ich muss jetzt meinen Pflanzen nochmal sagen, wie schön sie sind und wie stolz ich auf sie bin, damit es wenigstens ihnen gut geht, um danach noch 35 Stunden in Elite Dangerous zu versumpfen.

Wenn Die Ärzte noch ein neues Album aufnehmen, wäre ich durchaus auch bereit für noch 2 weitere Lockdowns. Allerdings gäbe es dann vermutlich auch keine Clubs und Venues mehr, in denen sie es vorspielen könnten.

C+1 wird jedenfalls MEIN Jahr! Ganz bestimmt!